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Papers, Please – der Beamtensimulator

Jede Entscheidung zählt!
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Wertung

8
6 Grafik
7 Sound
8 Story
10 Atmosphäre
9 Anspruch/Schwierigkeit
8 Gameplay

23. November 1982, der erste Arbeitstag beginnt. Endlich geht ein Traum in Erfüllung und man kann als Beamter an der Grenzkontrolle arbeiten. Dem Staate dienen, nur durch einen Stempel über das Leben anderer entscheiden – James Bond kann da mit seinem langweiligen Leben einpacken. Ja, im ersten Moment mag das nun nicht wirklich wie eines der spannendsten Spiele klingen. Aber hinter Papers, Please steckt weit mehr, als man im ersten Moment denken mag.

Wenn ein Papst Spiele entwickelt

Scherz beiseite – der Entwickler Lucas Pope hat mit dem Papst wohl nur die Verehrung durch eine breit gefächerte Anhängerschaft gemein. Und vielleicht, dass er kein Frischling mehr in seinem Gewerbe ist. Bereits in den 90ern betrieb Pope mit Freunden ein kleines Indie-Studio namens Ratloop. Durch die geringe Rentabilität war er gezwungen zu größeren Studios wie Sony Santa Monica und Naughty Dog zu wechseln. Lange blieb er jedoch nicht. Nach einigen Jahren setzte er sich wieder an seine eigenen Kleinproduktionen wie The Republia Times und 6 Degrees of Sabotage – stilistische und inhaltliche Vorreiter zum im August 2013 veröffentlichten Papers, Please. Die Spielidee dahinter gründete sich auf Popes eigenen Erfahrungen als Einwanderer in Japan.

Herzlichen Glückwunsch.
Die Arbeitslotterie des Monats Oktober ist abgeschlossen, und Ihr Name wurde gezogen.

Es lebe Arstotzka!

Worum geht es nun genau in Papers, Please? Der kommunistische Staat Arstotzka hat einen 6-jährigen Krieg mit dem Nachbarstaat Kolechia beendet und die eine Hälfte der Grenzstadt Grestin wieder eingenommen. In dieser Situation tritt man in die Rolle des Einwanderungsinspektors von Arstotzka, dessen Aufgabe die Kontrolle der Einreisenden ist. Nur anhand derer mitgebrachten Dokumente, den Richtlinien des Ministerums der Zulassung und einem einfachen Inspektions-, Such- und Fingerabdruckssystems muss entschieden werden, wer Arstotzka betreten kann und wer abgewiesen oder sogar verhaftet wird.

Stempeln tagein, tagaus

Jedenfalls ist das die anfängliche Aufgabe, da sich täglich Bedingungen ändern und neue Aufgaben, Ereignisse oder Probleme entstehen können. Unter der gewöhnlichen Masse an Einwanderern und Arbeitssuchenden verstecken sich nämlich Schmuggler, Spione und Terroristen, aber auch Flüchtlinge und Hilfesuchende. Lässt man einen aus dieser Personengruppe durch, gibt es sichtbare Konsequenzen. Diese zeigen sich entweder in Form von Buß- oder Bestechungsgeldern, Inspektionen durch die Staatspolizei oder (Gewalt-)Taten, die am nachfolgenden Tag in der Zeitung erscheinen. Die Arbeitsweise hat auch ihre Auswirkungen auf den täglichen Verdienst, da sich der Lohn aus den bearbeiteten Kontrollen errechnet. Entscheidungen können somit auch darüber bestimmen, ob man die eigene Familie ernähren und am Leben erhalten kann oder nicht.

Die Handlung geht über 31 Arbeitstage, vorausgesetzt man erwischt kein vorzeitiges Ende. Nach ähnlichem Spielprinzip wie Stanley’s Parable und Please, don’t touch anything erhält man je nach bestimmter Kombinatorik der Entscheidungen 20 unterschiedliche Endungen, 8 davon mit starken Differenzen. Das übliche Problem mit solchen Spielen ist jedoch, dass man durch das häufige Wiederholen Frust aufbauen kann. Man muss sich ja regelrecht über alle 31 Tage jede relevante Entscheidungsmöglichkeit merken, falls man alle Endungen (ohne Hilfe) erreichen will.

Neben dem Story-Mode kann man auch durch das Erreichen einer bestimmten Endung den separaten, prozedural generierten Endless-Mode freischalten. In diesem hat man die freie Wahl, einen endlosen Andrang an Einwanderern über Zeit, Perfektion (ergo ohne Fehler) oder Ausdauer zu bewältigen. Jeder Spieltyp hat ein anderes Punktesystem und man kann zwischen 4 verschiedenen Regelsätzen bzgl. der Einwanderungsrichtlichen wählen.

Graue Zeiten

Bei dieser tiefgründigen Story erscheinen das Gameplay, die Grafik und der Sound als eher zweitrangig. Obwohl alles sehr einfach gehalten ist, sollte man es jedoch nicht gleich als minderwertig abstempeln. Gerade diese Schlichtheit fügt sich perfekt in die Atmosphäre und das Arbeitsfeld als Grenzkontrolleur in solch einer prekären Zeit ein. Die Musik mit ihrer rythmischen, aber tristen Art versinnbildlicht die Monotonie wie auch Schwere der Arbeit. Fällt sie weg, wie z.B. in den Situationen einer Attacke an der Grenze, ist es im wahrsten Sinne des Wortes mit der Todesstille gleichzusetzen – man selbst hält die Luft an. Die Einfachheit der Befehle über schnelle Mausklicks oder Tastatureingaben stehen im Kontrast zu deren Folgen. Der Kontrolleur kann mit einem einfachen Stempel über Leben und Tod entscheiden.

Und die Grafik? Während sie ausgereifter sein könnte und gerade am Anfang in manchen Situationen zu einigen Problemen führt, z.B. Passbilder mit den echten Personen vergleichen, fügt sie sich trotzdem sehr gut in das Gesamtbild des Spiels ein und unterstützt den Aufbau der bedrückenden Atmosphäre. Es ist alles relativ grau und wiederholend. Selbst die Aufteilung der 3 Sichtfelder weist auf ein bestimmtes Ziel hin: die Reduktion auf das Wichtigste, nämlich die Fakten und den allmächtigen Stempel. Den Massen und der individuellen Person wird dabei nur ein geringer Wert zugesprochen.

Mein Fazit zu Papers, Please

Papers, Please ist ein auf den ersten Blick langweilig und trostlos wirkendes Spiel. Während letzteres stimmt, lässt die inhaltliche Tiefe und Variation zwischen den Leveln keine Monotonie, sondern eher noch Spaß an der Arbeit aufkommen. Man benötigt keine großen strategischen Fähigkeiten oder schnelles Reaktionsvermögen, nur ein gutes Auge und bestenfalls eine gute Merkfähigkeit. Die größte Gewichtung liegt in den Entscheidungen und ihren Folgen, der Diskrepanz zwischen Ethik und Recht. Lucas Pope weist mit diesem Indiegame auf die Schwere einfach erscheinender Entscheidungen und den Konsequenzen aus einem starren Befolgen wie auch Abweichen von Regeln und Richtlinien. Wie würden wir in dieser Situation handeln und was wäre uns wichtiger: das Leben anderer oder unser eigenes und das unserer Familie?

Wer sich dieser Frage stellen und dabei trotzdem Spaß erleben will, sollte sich dieses Spiel nicht entgehen lassen. Papers, Please ist auf Steam, im Humble Store und selbstverständlich bei GOG für  ca. 9 Euro  im Vollpreis erhältlich.

Quellen: Alle Angaben entstammen der Webseite von Lucas Pope, dem Interview auf Wired und der Homepage von Papers, Please.

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